Flower Power

Von Andrea Weirich

Die Rufe sind über den ganzen Platz zu hören. Sie übertönen das Gewirr aus verschiedenen Sprachen und das Geklapper der Einkaufsroller auf dem Kopfsteinpflaster. Ein singendes „Haaallooooo!“  erregt Aufmerksamkeit und das rhythmische „Lecker, lecker, lecker!“ preist das in bunten Häufen ausliegende Obst und Gemüse an. Zwischen den Ständen der Marktschreier und den Buden mit Feinkost, an denen es nach Knoblauch und Fisch riecht, kommen die mit Tüten beladenen Einkäufer kaum aneinander vorbei. Etwas abseits des Gedränges steht ein eher kleiner Mann mit grauen Bartstoppeln und überreicht einer jungen Frau lächelnd einen Blumenstrauß. Sie nimmt die blauen Blumen, die farblich zu ihrem Mantel passen, strahlend entgegen. Sie lachen über einen Witz, den er in einer fremden Sprache macht und die beiden verabschieden sich mit einer herzlichen Umarmung.

Der Blumenverkäufer bleibt in seinem Meer aus Farben zurück, um ihn herum Ringelblumen in großen Eimern, Stiefmütterchen und Geranien zum Einpflanzen und Tulpen, deren Knospen gerade erst aufbrechen. Er hat die blaue Wollmütze tief in das gebräunte Gesicht mit den dicken Backen gezogen. In seiner dicken braunen Jacke verbirgt er nicht nur Wechselgeld, sondern auch eine kleine Gartenschere zum Kürzen der Stängel. Schon wendet er sich dem nächsten Kunden zu: „Was haben Sie für einen Wunsch?“.  Mit wenigen Handgriffen hat er den nächsten Strauß aus orangenen und roten Schnittblumen zusammengestellt und spricht dabei mit dem Kunden. Blumen und Rosenlaub fixiert er mit einem langen Streifen Tesafilm statt mit einem Gummi. „Das ist genial, das geht viel leichter wieder ab“, freut sich eine Frau, die in der Schlange vor den Tulpen steht.

Die junge Frau in dem blauen Mantel, die ihn umarmt hat, ist eine seiner Stammkundinnen. Sie stammt aus Südamerika und er kann mit ihr Portugiesisch sprechen. „Ich bin in Portugal geboren“, gibt er zu, „Aber schon lange bin ich hier. Viele, viele Jahre.“ Zuhause ist er bei den Gewächshäusern, einige Kilometer außerhalb der Stadt, in denen sie die meisten Gartenblumen selbst ziehen. Das Pflanzen der empfindlichen Setzlinge erfordert immer noch viel Handarbeit. „Doch man ist dabei auch mit der Natur verbunden und all diesen schöne Blumen“ bemerkt er. Das sei eines der Dinge, die er so an seiner Arbeit schätze.

Drei Tage die Woche verkauft er auf dem Markt in Mülheim zusammen mit seiner Frau Blumen, auch die Töchter helfen manchmal. Sein Schwager ist gleichzeitig auf der anderen Rheinseite auf einem Wochenmarkt. „Ja, wir sind also ein richtiger Familienbetrieb“, stellt er fest und lächelt breit. Viele Kunden kommen an allen drei Tagen, um frische Blumen zu kaufen. Wieder kommt eine Kundin, die er  sanft am Arm zwischen den Steigen mit Blumen hindurchführt und dabei mit seinen Scherzen zum Lachen bringt. Das Geschäft läuft gut und er und seine Frau haben alle Hände voll zu tun, die Kunden zu bedienen. Später muss seine Frau weg, dann hat er weniger Zeit, sich mit jedem Kunden zu unterhalten. Am größten ist der Andrang jedoch erst in ein paar Monaten, zu Muttertag. „Wir stellen auch extra diese kleinen Körbe zusammen, zum Verschenken oder einfach so – weil es hübsch ist“, erklärt er und fügt hinzu: „Jeder will seiner Mutter Blumen schenken. Ich auch“.

Nebenan bewerben die Marktschreier mit meist türkischem Akzent weiter ihre Produkte: „Ohne Konservierung, ohne Farbstoffe, ohne Atomkraft“. Der Blumenverkäufer ruft nicht, er braucht das nicht. Seine Kunden kommen auch so zu ihm.

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