Zwei große Lieben

Von Jil Büsing

Es riecht nach Holz und alten Büchern, auch etwas modrig. Der Boden ist mit Teppichen ausgelegt, die Wände voll mit schwarz-weiß Fotographien. Die schwere Glastür quietscht leise beim Öffnen. Der Lärm von draußen verstummt. Eine ältere Dame und ein Herr unterhalten sich gedämpft. Über Liebesromane. Im Hintergrund leise Klaviermusik.

Hinter einem alten Holzpult sitzt Hildegund. Es ist ein Holzpult, so wie man es aus Fotographien von damals kennt. Schon etwas abgewetzt und verstaubt. Ansonsten breit und massig, an den Seiten verziert. Um das Pult herum stehen Bücher, viele ebenso abgenutzt wie das Pult selbst. Hildegund trägt ein Strickkleid. Es ist blau und reicht ihr bis zu den Knien. Auf dem Kopf trägt sie eine schwarze Brille, die dünnen Haare sind mit einer Spange nach hinten geklemmt. Sie guckt konzentriert, dann lächelt sie.

Hildegund lebt schon lange in Köln. Seit 60 Jahren genau, erinnert sie sich. ,“Damals war noch alles anders“, sagt sie. Geboren wurde sie im Süden von Deutschland. Dass sie Buchhändlerin werden wollte, war für sie von Anfang an klar. Aus Liebe zum Beruf kam sie nach Köln, erzählt sie. Damals wegen Kölns populärer Buchszene und wegen des Geldes, heute ist es ihre Heimat und ihre große Liebe. „Alles was ich liebe und bin wird hier vereint“, lacht sie. Was Köln für sie bedeutet? Freiheit. Eine Stadt voller Möglichkeiten und Facetten. „Ich liebe die Stadt weil sie so vielfältig ist, genauso wie meine Bücher“, sagt sie. „Wenn man einmal hier lebt, wird man automatisch Kölner. So war das auch bei mir.“

Wieder quietscht die Tür. Kalter Wind weht von draußen herein. Ein LKW hupt. Hildegund blickt auf und lächelt. Die Tür fällt zu und ein älterer Herr betritt den Laden. Ruhe. Hildegund entschuldigt sich für einen Moment und empfängt den Mann. Sie lacht, legt ihm eine Hand auf die Schulter und begleitet ihn zum Pult. Sie kennen sich. Zu vielen ihrer Kunden hat sie eine besondere Beziehung, erzählt sie später. Eine Familie bedient sie schon in der vierten Generation. „So etwas macht einen schon stolz“, sagt sie.

Ihre Motivation, den Beruf immer weiter auszuüben, seien die Menschen. „Wenn ein Kunde und ich den gleichen Buchgeschmack haben, empfehlen wir uns oft Bücher weiter. Dadurch sind schon Freundschaften entstanden“, lacht sie. Dies sei auch das Geheimnis, warum die Menschen immer noch zu ihr kämen. „Die Bücher und die Menschen sind meine Berufung. Ich habe jeden Tag Spaß an meinem Beruf.“ Sie lächelt und lehnt sich in ihrem Sitz zurück. „Kölner sind bunt und offen, vor allem aber ehrlich“, sagt sie.

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Hildegund hält zudem Buchlesungen. Die bereiten ihr besonderen Spaß. „Oft sind die Lesungen so gut besucht, dass wir sie sogar wiederholen müssen.’’, erzählt sie  und  schmunzelt wieder. „Ich bin nämlich Deutschlands älteste Buchhändlerin.“ Sie streicht sich eine weiße Haarsträhne aus der Stirn. „Mit meinen 60 Jahren Berufserfahrung bin ich schon ein alter Hase im Buchgeschäft.“ Sie deutet auf drei Auszeichnungen auf der Wand. Diese wurden unter Anderem von der Kulturministerin persönlich verliehen. Interviewt wurde sie daher schon oft.

Die Tür geht wieder auf und neue Kundschaft betritt den Laden. Hildegund kommt ihnen entgegen und grüßt sie erfreut.

 

 

 

Ein Gedanke zu “Zwei große Lieben

  1. Hallo Frau Büsing,
    ein sehr schöner Beitrag, besonders gefällt mir, dass Sie alles genauestens beschrieben haben und somit den Leser auf eine Reise in die Bücherwelt mitnehmen konnten.
    Tolle Frau, die Ihren Beruf mit Leidenschaft macht und Erfüllung in ihm findet.

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